Turmalin von A bis Z: Das Labyrinth der Freuden
Die Maruun neigen zu einer stark zentralisierten Siedlungsform mit zahlreichen Stadtstaaten innerhalb umfangreicher, nicht beanspruchter Gebiete. Eine wiederkehrende Folge davon ist das Anschwellen der Bevölkerungszahl bis hin zu einem Maße, dass vom Stadtbereich nicht mehr unterstützt werden kann. Die Grenzen der Stadt müssen dann erweitert werden. Auch Turmalin unterliegt diesen Zwängen.
Über viele Jahrhunderte hinweg nutzte man einen relativ spät entdeckten, unmittelbar nördlich der Stadt liegenden Steinbruch als bequeme Rohstoffquelle. Die Mine erwies sich als überaus ergiebig und lieferte nebem Talzum ein granitähnliches Gestein und sogar eine Reihe von wertvollen Erzen. Im Laufe von Jahrhunderten wurden zahllose Stollen angelegt und das natürliche Angebot bis an dessen Grenzen ausgebeutet. Vor etwa 600 Jahren dann kam es eines Nachts zu einer ungeheuren unterirdischen Explosion, deren Ursprung nie geklärt werden konnte. Das Bergwerk stürzte vollständig ein. Mit dem Licht des Tages bot sich den Bewohnern von Turmalin ein furchtbares Bild: Über nahezu eine halbe Quadratmeile war der Erdboden vor der Stadt einfach in die Tiefe gesackt und hinterließ nur noch ein tiefes Loch.
Für lange Zeit wurde dieses Gebiet gemieden und die Stadtfläche darüber hinaus erweitert. Die Gefahr eines Wassereinbruchs der nahen See war allgegenwärtig. Doch irgendwann begann man über eine mögliche Nutzung nachzudenken. Findige Baumeister und solche, die in der Wahl ihres Baumaterials wenig Möglichkeiten hatten, begannen die Trümmer auszubeuten. Viele Gebäude in Turmalin und sogar Teiler der Stadtmauer in ihrem derzeitigen Verlauf wurden aus Materialien des Einsturzgebietes errichtet.
Aus Angst vor Flut und weiteren Einstürzen mieden die meisten Maruun dieses Gebiet als Lebensraum. Doch die untersten Schichten der Gesellschaft von Turmalin, die Armen, die Rechtlosen und die Kriminellen, entdeckten bald die Vorteile. Es gab keine Grundabgaben, keine Kontrollen durch Priester, Regentschaft oder Polizei. Die Bedrohung durch die instabile Umgebung rückte bald in den Hintergrund, als keine weiteren Katastrophen auftraten. Man lebte in Abgrund, sowohl in sozialer als auch in physischer Hinsicht, verborgen vor den Strahlen der Sonne und vor den Blicken der Autorität. Es dauerte nicht lange bis das Gebiet die ersten Anlaufstelle für diejenigen wurde, die auf der Suche nach besonderen Vergnügungen, Gütern oder Dienstleistungen waren – Bordelle, Drogen, Hehler, gedungene Mörder und mehr. Im Volksmund nannte man den Bezirk bald das „Labyrinth der Freuden“.
Das „Loch“ in Turmalin ist heute dicht besiedelt. Wände und Boden wurden eng bebaut, oft horizontal und vertikal in das Erdreich hinein, dass in der Tiefe sehr fest ist. Zahlreiche Säulen unterschiedlicher Höhe, manche davon fast bis hoch zum ursprünglichen Bodenniveau reichend, sind bei dem Einsturz stehen geblieben und ragen wie gewaltige Stalagmiten in die Höhe. Auch diese wurden rundherum bebaut, dazwischen ragen hier und da künstliche Türme empor. Für den Zugang sorgen wiederum Treppen, Leitern, Seile, Brücken, Aufzüge und Ballonlifte. Es kam zu gelegentlichen Wassereinbrüchen, aber nie in dem Ausmaß, dass ein Massenflucht stattgefunden hätte.